- Artikel-Nr.: 61319
Brief (Typoskript 1,5 S. 4 to, gefaltet) mit Ort, Datum, eigenhändiger Unterschrift in Bleistift signiert ohne Ort und Datum (1924)
- an den Autor Dr.phil. FRANK THIESS (1890-1977, deutscher Schriftsteller. Von 1915 bis 1919 arbeitete er als Redakteur für Außenpolitik beim Berliner Tageblatt unter Theodor Wolff. Danach war er 1920/21 Dramaturg an der Volksbühne Stuttgart und ab 1921 Theaterkritiker in Hannover beim Hannoverschen Anzeiger. Danach arbeitete er ab 1923 als freier Schriftsteller in Berlin und am Steinhuder Meer. Er bezeichnete sich selbst als Vertreter der INNEREN EMIGRATION. Später Vizepräsidenten der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt. Viele Literaturpreise, u.a. 1961: Großes Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich (1952),1968 Hessische Goethe-Plakette, 1968 Konrad-Adenauer-Preis, 1975 Andreas-Gryphius-Preis der Künstlergilde Esslingen)
ausführlich über sein Werk DER LEIBHAFTIGE (Roman 1924) und ihre Anschauung darüber "...Und wissen Sie, dass ich in Köln den ersten Preis mit baren fünftausend Mark gekriegt habe ? Es ist aus heiterem Himmel passiert, denn ich dachte, dort ist die Sache längst erledigt und ich sei durchgefallen. (Vicki Baum erhielt 1924 in Köln den Literaturpreis der Deutschen Verlagsanstalt für ihren Roman Ulle, der Zwerg.) ... Bei mir teilt sich die Literatur höchst einfach ein in Bücher zum Liebhaben und Bücher nicht zum Liebhaben. Die Bücher von Dostojewski bis zu den Verdammten sind in Abteilung eins. Die Bücher von Balzac bis zum Leibhaftigen sind in Abteilung zwei. Also : liebhaben kann ich es nicht, es ist zu grausam, es hat mich erschreckt - nicht durch seinen Inhalt, sondern durch ihre Fähigkeit, sich in eine entseelte Welt so hinein zu verwandeln. Denn das ist mir bei Ihnen merkwürdig : Sie verwandeln sich immer in ihre Gestalten, bei Ihnen ist der Schaffensprozess mehr der eines Schauspielers als der eines Bekenners...Aber ich doziere Ihnen da was vor und Sie lachen mich aus ! Wenn Sie über den Ulle irgendwo schreiben würden, so täten Sie mir eine grosse Freude machen. Sie sind immer so lieb und streng zugleich mit meinen Büchern, dafür bin ich Ihnen sehr dankbar...